Ein Brief an Eltern mit Sorgen
Liebe Eltern,
vielleicht sitzen Sie gerade mit Ihrem Kind am Küchentisch. Sie haben erklärt, noch einmal erklärt, gemeinsam geübt und nach neuen Wegen gesucht. Trotzdem endet der Nachmittag vielleicht wieder mit Tränen – manchmal bei Ihrem Kind und manchmal auch bei Ihnen.
Vielleicht kreisen Ihre Gedanken inzwischen immer wieder um dieselben Fragen: Warum ist Mathematik nur so schwer? Machen wir etwas falsch? Wird mein Kind irgendwann den Anschluss verlieren?
Wenn Sie solche Gedanken kennen, möchte ich Ihnen zuerst eines sagen:
Sie sind mit diesen Sorgen nicht allein.
Viele Familien, die zu uns kommen, erzählen genau von diesen Momenten. Sie berichten von anstrengenden Hausaufgabennachmittagen, von Streit, von Hilflosigkeit und von dem großen Wunsch, dem eigenen Kind zu helfen – ohne genau zu wissen, wie.
Mit der Zeit beginnen manche Eltern sogar, an sich selbst zu zweifeln. Sie fragen sich, ob sie früher hätten handeln müssen, ob sie genug unterstützt haben oder ob sie etwas übersehen haben.
Deshalb möchte ich Ihnen etwas mit auf den Weg geben:
Schwierigkeiten im Rechnen entstehen nicht, weil Eltern sich zu wenig kümmern. Und Kinder haben nicht Rechenschwierigkeiten, weil sie sich zu wenig anstrengen oder zu wenig lernen möchten.
Manchmal fehlt Kindern ein tragfähiges Verständnis für Mathematik. Manchmal konnten wichtige Grundlagen noch nicht aufgebaut werden. Und manchmal braucht ein Kind einfach einen anderen Weg, um mathematische Zusammenhänge wirklich zu begreifen.
Wenn Ihr Kind im Moment mit Mathematik kämpft, bedeutet das deshalb nicht, dass es weniger klug, weniger lernfähig oder weniger wertvoll ist. Kinder entwickeln sich unterschiedlich, und auch Lernen verläuft selten geradlinig. Manche Kinder brauchen mehr Zeit, andere andere Erklärungen oder kleinere Lernschritte. Und manche benötigen eine Unterstützung, die nicht nur auf Wiederholen setzt, sondern auf echtes Verstehen.
Denn genau dort beginnt häufig etwas Neues.
Wenn Kinder Mathematik Schritt für Schritt verstehen lernen, erleben sie zum ersten Mal, dass Lernen wieder gelingen kann. Aus kleinen Erfolgserlebnissen wächst langsam neues Vertrauen – nicht nur in die Mathematik, sondern auch in die eigenen Fähigkeiten.
Plötzlich entsteht der Gedanke:
„Ich kann etwas verändern.“
Dieses Vertrauen entwickelt sich nicht über Nacht. Es wächst in vielen kleinen Schritten – mit Geduld, passenden Erklärungen und Menschen, die an das Kind glauben.
Deshalb wünsche ich Ihnen nicht, dass ab morgen alles leicht wird.
Ich wünsche Ihnen vielmehr, dass Sie den Druck ein wenig loslassen dürfen. Dass Sie Ihrem Kind weiterhin zutrauen, seinen eigenen Weg zu finden. Und dass Sie sich immer wieder daran erinnern:
Sie müssen diesen Weg nicht allein gehen.
Und Ihr Kind auch nicht.
Herzliche Grüße
Ihre Amonte Frühling